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„Der goldene Kompass“ von Philip Pullmann

Zu meinen absoluten Lieblingsbüchern gehört die Trilogie „His Dark Materials“, insbesondere des ersten Bands „Der goldene Kompass“. Diese Woche las ich einen Artikel, dass „The Book of Dust“ der Auftakt zu einer „Companion“-Trilogie sein wird. Es wird daher wirklich Zeit, dass ich auch die anderen Teile rereade – hier ist jedoch erst einmal die überarbeitete Rezension zum ersten Teils!

Mehr Informationen zum Buch
Autor: Philip Pullmann
Originaltitel: „Northern Lights“
Deutscher Titel: „Der goldene Kompass“
Übersetzer: Wolfram Ströle und Andrea Kann
Reihe: „His Dark Materials“ #1
Seitenzahl: 444 Seiten
Verlag: Carlsen
Veröffentlichungsdatum: Juli 1995

Es beginnt alles in Oxford, wo ein Mädchen namens Lyra ein altehrwürdiges Internat besucht. Lyra ist klug, ein bisschen wild und unendlich neugierig. Und es gibt viel in Ihrer Umgebung, was ihre Neugier immer neu entfacht. Was ist es, was ihr geheimnisvoller Onkel Lord Asriel hoch oben im eisigen Norden Europas erforscht? Was hat die ehrgeizige junge Wissenschaftlerin Mrs. Coulter mit diesen Forschungen zu tun? Ist sie etwa eine Konkurrentin des Onkels und freundet sich nur deshalb mit Lyra an? Weshalb verschwinden in der Gegend um Oxford immer wieder Kinder, Söhne und Töchter armer Leute meist, die niemand außer den Eltern wirklich vermisst? Werden sie wirklich von den Gobblern geholt, wie die Leute munkeln? Wenn ja, was sind Gobbler und woher kommen Sie? Es dauert eine Zeit, bis Lyra herausfindet, dass all diese Fragen zusammenhängen. Antworten aber findet nur, wer sich auf den Spuren Lord Asriels in den hohen Norden wagt, wo grimmige Panzereisbären eine uneinnehmbare Festung bewachen, Hexenköniginnen durch eisige Lüfte fliegen und hinter dem Polarlicht eine Welt beginnt, die bisher den Menschen verschlossen war.

Inhalt

In einer Welt, die unserer so ähnlich ist und doch so anders ist, wächst Lyra unter lauter Wissenschaftlern im Jordan College in Oxford auf. Lyra ist ein neugieriger Wildfang, sie stromert mit ihren Dæmon Pantalaimo herum und ist immer dort, wo sie nicht sein soll. So verwundert es nicht, dass Lyra sich versteckt, um ein Treffen ihres Onkels Lord Asriel mit den Wissenschaftlern zu belauschen. Und was für interessante Dinge er berichtet!

Von da an überschlagen sich die Ereignisse: Kinder, die niemand wirklich vermisst, werden aus Oxford entführt. Stecken dahinter die sogenannten Gobbler, von denen keiner weiß, wer sie sind und woher sie kommen? Was möchte die beeindruckende und wunderschöne Mrs. Coulter von Lyra? Und was hat es mit dem Staub auf sich, über den immer wieder gesprochen wird?

Bald verdichten sich die Hinweise, dass die Antworten auf alle Fragen im Norden zu finden sind. Auf ihrem Weg dorthin muss Lyra viele Gefahren überwinden, findet aber dabei auch neue Freunde und lernt faszinierende Geschöpfe wie die Panserbjørne und Hexen kennen. Immer näher kommt sie dabei Lord Asriel und doch ahnt sie bis zuletzt nicht, welch ungeheuren Plan dieser hat …

Meinung

Die Jugendbuch-Reihe der Jahrtausendwende? Die meisten Mitglieder meiner Generation würden wohl die „Harry Potter“-Reihe nennen. Ich jedoch würde die „His Dark Materials“-Trilogie nennen. Denn „Der goldene Kompass“ entführt in eine Welt, die unserer in so vielen Dingen gleicht und doch so unterschiedlich ist. Am faszinierenden sind fraglos die Dæmons, welche die manifestierte Seele ihrer Menschen in Tierform sind. Sie bleiben – von Ausnahmen abgesehen – immer in der Nähe ihres Menschen und sprechen im Normalfall nur mit ihm, auch wenn sie mit anderen Menschen und dæmons autonom interagieren können. Bis zum Jugendalter können sie ihre Gestalt wechseln, danach nicht mehr, was ein Sinnbild für den dann geprägten Charakter darstellt.

Schon wenige Seiten des Buches genügen, um den Leser zu packen. Das nächste große Abenteuer ist immer nur ein paar Seiten weg und so fliegen diese nur so durch die Hand. Lyra zu begleiten macht einfach Spaß, da sie ein kluger Kopf ist und sie sich dennoch bisher ihre kindliche Unschuld bewahrt hat. Doch neben den Beschreibungen aufregender Expeditionen und dem Kennenlernen von großartigen neuen Freunden gibt es auch Szenen, welche sehr traurig sind. Sie kommen teilweise so harmlos daher und drücken einen das Herz ab, wenn das Ende schon bekannt ist. Diese Szenen kommen gänzlich ohne Blut aus und sind doch entsetzlich.

Viele Kritikpunkte fand ich auch beim Reread nicht: Der Schreibstil könnte an manchen Stellen noch etwas besser sein und eins oder zwei Szenen verwundern ein wenig. Die spätestens in den Folgebänden kaum verhohlene Abneigung des Autors gegen die Kirche kann kritisch betrachtet werden, aber ich empfand die Reihe als Teenager vor allem als Erweiterung meiner Gedankenwelt. Denn in dem Gewand einer Jugendbuch-Reihe steckt nicht nur wundervolle epische Fantasy, sondern auch eine Einladung, über viele Fragen nachzudenken.

Empfehlung?

Insgesamt ist „Der goldene Kompass“ trotz seiner teils märchenhaften Anmutung kein Buch für die Jüngsten, aber durchaus für Teenager geeignet und bietet auch Erwachsenen jede Menge Stoff zum Nachdenken. Doch das stört alles nicht weiter und überhaupt sollte man diese Welt voller Wunder und faszinierender Wesen nicht verpassen! Nicht umsonst wurde die Trilogie mit zahlreichen Auszeichnungen überhäuft.

In einem Satz

„Der goldene Kompass“ ist ein Jugendbuch-Klassiker, welche mit faszinierenden Ideen, fantastischen Wesen und einer tollen Heldin aufwartet!

Über die Reihe

Die Trilogie „His Dark Materials“ ist bereits vollständig erschienen und umfasst die Bände: „Der goldene Kompass“, „Das magische Messer“ und „Das Bernsteinteleskop“. Daneben gibt es die beiden Kurzgeschichten „Lyra’s Oxford“, welche ein Jahr nach „Das Bernsteinteleskop“ spielt, und „Once Upon a Time in the North“, eine Art Prequel mit Lee Scoresby. Außerdem erscheint im Oktober 2017 „The Book of Dust“, dass den Auftakt zu einer „Companion“-Trilogie bildet.

Diese Rezension wurde das erste Mal am 12. September 2014 veröffentlicht, der Beitrag ist eine für diesen Blog überarbeitete Fassung.

4 Kommentare

  1. Mir haben die ersten beiden Bände der Trilogie sehr gut gefallen und würde sie auch eigentlich gern nochmal lesen. Allerdings mochte ich vieles am dritten Band nicht so sehr und das schreckt mich immer wieder von einem Reread ab.

    • Elena sagt

      Mir geht es da offen gestanden ähnlich! Grad der Anfang vom dritten Band war dann doch etwas … seltsam. Aber zumindest den zweiten Band will ich wirklich mal aus dem Regal ziehen, denn Will war echt ein netter Kerl.

  2. Hi Elena,

    man darf immer nur bedingt von der Erzählinstanz auf den Autor schließen. Hat der Autor jemals gesagt, dass er in seiner Trilogie eine kritische Betrachtung der Kirche angedacht hatte? Falls nicht, kann man der Erzählinstanz eine kritische Sicht anrechnen, die ich jedoch sehr gut finde. Aber das ist ja auch immer Ansichtssache 🙂 Generell hat Pullmann eine faszinierende und unheimlich detailierte Welt geschaffen. In der Fantasyforschung gilt diese Trilogie als Paradebeispiel eines gelungenen Werks. Es ist in sich schlüssig, folgt seinen gesetzten Regeln, ist authentisch und regt zum Nachdenken an (eben durch kritische wie auch sehr traurige Momente). Ich kann deinen Schmerz sehr gut nachempfinden, obwohl meine letzte Leserunde ein wenig her ist…

    Liebste Grüßlies und ein immer noch buchreiches Wochenende wünscht
    Nina 🙂

    • Elena sagt

      Hallo Nina,

      es ist meiner Meinung nach schon recht weitläufig bekannt, dass Pullmann ein kirchenkritischer Atheist (oder Agnostiker) ist. Das Thema kochte bei der Verfilmung vom Buch erst wieder hoch – war das echt 2007, mir kommt es kürzer vor! Meine Recherche nach einem wirklich guten Beleg im Kontext zu „His Dark Materials“ war etwas schwierig, aber ich finde, dieses Interview zu einem anderen Buch zeigt ganz gut, welche Einstellungen er vertritt: https://www.theguardian.com/books/2010/apr/19/philip-pullman-interview-catholic-church

      I ask him if he thinks the scandal will change the Catholic church. „I hope so,“ he says quickly, and then draws back. „Well why do I hope so? In one way, I hope the wretched organisation will vanish entirely. So I’m looking on with a degree of dispassionate interest.“ He does not, at this moment, seem so dispassionate.

      Es gibt da noch ein paar andere markige Aussagen von ihm.

      Ich glaube gern, dass es in der Fantasyforschung gut angesehen ist. Denn selbst mir als auf dem Gebiet der kritischen Auseinandersetzung mit Literatur Unbewanderten fallen so viele gut gemachte Dinge bei diesem Buch ein. Da können die allermeisten „Ergüsse“ bei Weitem nicht mithalten.

      Liebe Grüße und weiterhin frohes Lesen
      Elena

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