Rezensionen

„Wintersong“ von S. Jae-Jones

Es gibt Bücher, die verzaubern; es gibt Bücher, die sind okay; und es gibt Bücher, die sind schrecklich – so eins ist „Wintersong“ von S. Jae-Jones. In meiner Rezension gehe ich darauf ein, warum ich die Heldin egoistisch, die Handlung zäh wie Kaugummi und das Ende unmöglich finde. Natürlich spoilerfrei, falls jemand „Wintersong“ doch noch lesen möchte.

Mehr Informationen zum Buch
Autorin: S. Jae-Jones
Originaltitel: „Wintersong“
Seitenzahl: 508 Seiten
Verlag: Titan Books
Veröffentlichungsdatum: 7. Februar 2017

All her life, Liesl has heard tales of the beautiful, dangerous Goblin King. They’ve enraptured her spirit and inspired her musical compositions. Now eighteen, Liesl can’t help but feel that her musical dreams and childhood fantasies are slipping away.

But when her sister is taken by the Goblin King, Liesl must journey to the Underground to save her. Drawn to the strange, captivating world she finds –and the mysterious man who rules it – she soon faces an impossible decision. With time and the old laws working against her, Liesl must discover who she truly is before her fate is sealed.

Inhalt

Ihr ganzes Leben lang hat Liesl Geschichten über den schönen, aber gefährlichen Erlkönig gehört. Diese regten ihre Fantasie an und inspirierten sie zu ihren musikalischen Kompositionen. Doch Liesl ist erwachsen geworden und ihre musikalischen Träume und Kindheitsfantasien schwinden dahin. Bis sie eines Tages eine unheimliche Begegnung auf dem Markt macht …

Als ihre Schwester von Erlkönig entführt wird, muss Liesl sich den Herausforderungen des Herrn des Unfugs stellen, der alles andere als fair spielt. Ihre Reise führt Liesl in den Untergrund in eine seltsame Welt. Hingezogen zum mysteriösen Mann, der dort herrscht, muss sie eine unmögliche Entscheidung fällen. Doch gibt es wirklich keinen Ausweg?

Meinung

Der Anfang von „Wintersong“ war wirklich wunderbar märchenhaft und ich hatte große Hoffnungen, eine fantastische Geschichte über Coming-of-Age und Liebe zu lesen. Stattdessen jagte eine Enttäuschung die nächste und ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.

Nehmen wir Protagonistin Liesl, aus deren Sicht alles erzählt wird. Zu Beginn konnte ich gut mit ihr mitfühlen: Im Schatten ihrer Geschwister stehend, schlichtes Aussehen, vernarrt in die Musik, eine unerfüllte Liebe. Aber nach und nach wendete sich meine Sicht auf sie: Ihre Schwester Käthe wird kontinuierlich von ihr runtergemacht, weil sie schöne Dinge mag und weiblich aussieht, sich zurechtmacht. Außerdem soll sich Käthe doch gefälligst glücklich schätzen, dass der wohlhabende Hans – indem Liesl seit Ewigkeiten verliebt ist – sie heiraten will. Überhaupt zieht Liesl in einem fort ihren Bruder Josef gegenüber Käthe vor, trotz eindringlicher Warnungen ihrer Großmutter Constanze. Wobei der arme Kerl nicht zu beneiden ist, lebt doch Liesl ihre Träume durch ihn aus. Das plain, old Liesl hatte zu Beginn noch Charme, aber nach der hundertsten Wiederholung nicht mehr. Liesl gefällt sich ganz offensichtlich darin, sich für unscheinbar zu halten. Bei der Musik räume ich gern ein, dass ich keine Expertin bin. Aber ich hatte das Gefühl, dass es Jae-Jones auch nicht ist. Wie auch immer, etwa ein Fünftel des Buches dreht sich in irgendeiner Form um Musik und ich fand das sehr ermüdend. Tja, und die Sache mit Hans wird ja ganz schnell aufgeklärt, damit Liesl sich den Erlkönig zuwenden kann. Es gibt noch viele andere Punkte, die mich gestört haben, insbesondere der Punkt Sexualität, aber ich habe mich jetzt auf das beschränkt, was sich schon in den ersten Kapiteln abzeichnet. Jedenfalls ist Liesl weder besonders selbstlos noch gutherzig, das ist nur ihre Sichtweise auf sich selbst.

Oben klingt es bereits an und ich wiederhole als eigenständigen Kritikpunkt: In „Wintersong“ wiederholt sich alles in endlosen Variationen. Aus meiner Sicht hätte die Hälfte weggekürzt werden können und es wäre immer noch keine straffe Geschichte. Stattdessen folgen wir als Leser den sich ständig wiederholenden Gedankengänge Liesl und es passiert eigentlich herzlich wenig. Was passiert, das passiert leicht abgewandelt auch noch ein zweites und ein drittes Mal. So gesehen ließen sich vermutlich weite Teile der Handlung überspringen und es gäbe trotzdem keine Probleme, ihr zu folgen.

Im Vergleich zu den anderen störenden Elementen eigentlich nur eine Fußnote, dennoch auch eine Erwähnung wert, ist die aus meiner Sicht misslungene Einbindung der deutschen Kultur und Sprache. Anstatt nämlich „Wintersong“ konsequent in einer Fantasiewelt spielen zu lassen, hat Jae-Jones ihren Handlungsort nach Deutschland verlegt und durch die Bezüge zu Mozart lässt es sich ziemlich genau zu Beginn des 19. Jahrhunderts datieren, geographisch irgendwie in Bayern. Aus meiner Sicht spiegelt sich das aber überhaupt nicht in der Geschichte wider. Was ich aber wesentlich gravierender finde, sind die eingestreuten Brocken Deutsch. Besonders sticht der Erlkönig hervor, der zwischendurch auf fast jeder Seite Erwähnung findet. Nur leider scheint Jae-Jones nicht gewusst zu haben, dass es je nach Fall auch mal dem Erlkönig, den Erlkönig oder des Erlkönigs hätte heißen müssen.

Kommen wir zum Ende von „Wintersong“, welches die Wertung noch einmal runter zieht: Nach all dem Gerede, dass der Frühling nur wiederkommt, wenn sich jemand opfert und dass Liesl genau das zu tun bereit ist, finde ich das Ende nicht romantisch, glücklich oder auch nur gelungen. Sondern ein Betrug am Leser. Wo ist die Logik in diesem Ende? Insgesamt ist es das klassische „Liebe überwindet alles“, wobei unklar bleibt, wie Liebe in diesem Fall irgendeines der Probleme gelöst haben soll.

Übrigens soll „Wintersong“ von „Labyrinth“ inspiriert sein, das kann ich aber nicht beurteilen, da ich den Film nicht kenne.

Empfehlung?

Von mir gibt es keine Empfehlung aufgrund der ichbezogenen Protagonistin, der endlos in die Länge gezogenen Handlung und den unpassendem Ende. Wenn ich einen Buchblogger sehen sollte, der dieses Buch uneingeschränkt empfiehlt, werde ich ernsthaft an dessen Geschmack zweifeln. Es lässt sich zwar trotz aller Kritikpunkte recht flüssig lesen, aber ein gutes Buch ist definitiv was anderes.

In einem Satz

Eine selbstsüchtige Protagonistin, welche sich nur für Musik interessiert, bekommt vom Goblin-König Chancen über Chancen eingeräumt, bis sie es irgendwann hin bekommt, diese auch zu nutzen.

9 Kommentare

  1. Ich hab schon bei GR gesehen, dass du mehr als enttäuscht warst. Erst dachte ich der Roman klingt ganz nett, aber das hat sich schnell geändert ^^ Außerdem will ich mehr über das Ende wissen 😀

    • Elena sagt

      Ich verrate dir das Ende über Twitter, will ja keinen durch die Kommentare spoilern 😀

  2. Nichts von dem, was du da schreibst, hat für mich irgendwas mit „Labyrinth“ zu tun – abgesehen davon, dass in beidem ein „Koboldkönig“ vorkommt. (Abgesehen davon, dass schon der Klappentext mir verrät, dass das kein Buch für mich ist. *g*)

    • Elena sagt

      So weit ich das recherchiert habe, geht es da wohl vor allem um den Untergrund und es gibt zum Beispiel einen Ball. Aber sehr viele Reviewer bei Goodreads regen sich darüber auf, dass es überhaupt nichts mit „Layrinth“ zu tun hätte oder eine miese Fan Fiction davon wäre. Außerdem ist die ganze Liebesgeschichte ja sehr problematisch, auch wenn ich das in der Rezension gar nicht richtig ausgearbeitet habe. Eigentlich hatte ich ja einen Rant geplant, aber dann blieb es doch relativ gesittet 😀

  3. Haltet mich für oberflächlich, aber ich hätte schon keine Lust, ein Buch zu lesen, dessen Protagonisten Liesl heißt! 😉

    Gut, dass mich auch sonst nix zu diesem Buch hinzieht. Okay, das Cover ist ganz hübsch, aber Genre, Klappentext und deine Rezension machen alles andere als Lust darauf!

    • Elena sagt

      Die Autorin wollte anscheinend unbedingt typisch bayrische Namen, deshalb heißen die Geschwister von Liesl (Elisabeth) dann Käthe (Katharina) und Sepperl (Josef) *augenverdreh* Wunder mich beim Nachdenken jetzt etwas, dass die Großmutter Constanze und nicht Konstanze hieß …

      Ja, das Cover ist echt hübsch. Das ist aber leider auch alles. Weshalb ich echt erstaunt bin, dass das Buch auf Goodreads auf stolze 3,7 Sterne Durchschnittsbewertung kommt …

  4. Allein das mit der fehlenden Deklination des Erlkönigs würde mich ja schon mal massiv nerven (wie wärs mit Recherche?). Dann noch so eine Protagonistin wie Liesl – uff. Definitiv kein Buch, das ich lesen werde.

    • Elena sagt

      Ich gehe von schlampiger Recherche aus, so dass ihr nicht bewusst war, dass es so etwas wie Deklination überhaupt gibt …

      Aber ja, von diesem Buch kann ich dir definitiv nur abraten (außer du möchtest dich pausenlos über die Protagonistin aufregen :D)

Kommentare sind geschlossen.